Bienen-Burnout

Arbeit ist (k)ein Honigschlecken

„Auf geht’s Mädels!“, rief die Bienenkönigin mit strengem Blick. „An die Arbeit! Es gibt viel zu tun. Wir stehen mitten in der Honigproduktion. Ran an den Nektar.“
Lieschen und ihre Honigbienen-Kolleginnen schwärmten eilig aus. Als Arbeiterin war Lieschen es gewohnt, ein straffes Arbeitspensum bewältigen zu müssen. Aber sie hatte nun schon seit Wochen durchgearbeitet und fühlte sich erschöpft. Die Flügel taten ihr weh vom vielen Herumflattern. Sie konnte sich kaum mehr konzentrieren, aber die Worte der Königin trieben sie an. „Es gibt viel zu tun, strengt euch an“, hatte sie gesagt. Aber gab es nicht immer viel zu tun? Würde sie jemals wieder einen freien Tag haben?

Bienen-Burnout: Arbeit ist (k)ein Honigschlecken

Und dann war da noch ihre Bienenkollegin Klara. Erst gestern hatte sie Lieschen schon wieder um einen Gefallen gebeten. „Ich muss dringend früher weg. Kannst du bitte meine Schicht zu Ende machen? Ich muss gleich meine Kinder abholen und mich um meine kranke Schwester kümmern. Du weißt doch …“
Ja, Lieschen wusste. Eigentlich hatte sie diesmal Nein sagen wollen. Sie war total erschöpft und hatte sich nach einem ruhigen Nachmittag gesehnt. Endlich mal Pause. Aber Klaras flehender Blick hatte sie weichgekocht. Schon wieder. Und die Freundin hatte ja auch wirklich Probleme. Müde hatte Lieschen geseufzt, ihre Flügel gestrafft und war aufgebrochen zu dem leuchtend gelben Rapsfeld am Rande des Dorfes, auf dem Klaras Arbeitsgruppe zum Nektar sammeln und Bestäuben eingeteilt war.

Früher hatte das leuchtende Gelb der Rapsblüten und die strahlend blauen Farbtupfer der Kornblumen sie elektrisiert. Geradezu euphorisch war sie voller Vorfreude zum Arbeiten aufgebrochen. Doch in letzter Zeit verschwammen die Blüten häufig zu einer schwarz-weißen Masse vor ihren Augen oder sie verfehlte die Blütenkelche und der wertvolle Nektar tropfte zu Boden. Sie musste aufpassen, dass nicht eine der Arbeiterinnen sie bei der Königin anschwärzte und sie eine Abmahnung bekam.

All das war ihr gestern durch den Kopf gegangen, während bei der Arbeit die Sonne vom wolkenlosen, tiefblauen Himmel gebrannt hatte und sie in ihrem molligen Bienenkleid ordentlich ins Schwitzen gekommen war. Sie hatte sich gerade im Schatten am Rande des Rapsfeldes auf einem Löwenzahn eine Verschnaufpause gönnen wollen, damit ihr unregelmäßig schlagendes Herz sich beruhigen konnte, als eine Kollegin von Klara angeflogen kam.
„Los weiter“, zischte die Kollegin. „Da kommt die Aufpasserin. Die petzt sicher bei der Königin. Dann gibt es wieder Druck. Du kennst ja die Standpauken der Chefin." 
Lieschen hatte tief geseufzt und weitergearbeitet.

"Als Arbeiterinnen müsst ihr allzeit bereit sein. Pause machen ist für Looser. Ich muss ja auch meine Eier legen. Wer nicht mithalten kann, fliegt raus." Die Kollegin hatte dabei die tadelnde Haltung eingenommen, in der die Königin sich bei diesen Anlässen gerne präsentierte und Lieschen damit sogar ein Lächeln abgerungen.

Das war gestern gewesen und heute ging es ungebremst weiter. Lieschen brach mit ihrer Arbeitstruppe auf in den Wald am anderen Ende des Dorfes. Ihre Fühler zuckten nervös, als sie versuchte dem Duft des Honigtaus an den Kiefern und Fichten zu folgen. Für sie war nicht mehr viel übrig. Die anderen Arbeiterinnen hatten schon fleißig gesammelt und Lieschen spürte, dass ihr die Kräfte fehlten, um mit den anderen mitzuhalten.
Oh je, wenn ich ohne Ernte zurückkehre, gibt es Ärger, dachte sie.
Aufgeregt brummte sie umher und ihr kleines Herz hüpfte in unregelmäßigem Takt. Auf einem Kiefernzweig legte sie eine Verschnaufpause ein. In der Ferne sah sie eine Biene aus ihrem Volk vertraute Formationen in der Luft tänzeln.
Gott sei Dank! Dort muss es noch mehr Kiefern mit Honigtau geben, dachte Lieschen, hob ab und plumpste geradewegs auf den bemoosten Waldboden. Sie schüttelte sich verwirrt, unternahm einen weiteren Versuch, loszufliegen, plumpste aber erneut kraftlos auf den Waldboden zurück. Eine bleierne Müdigkeit überkam sie und sie schlief auf dem Moospolster ein.

Als Lieschen wieder aufwachte, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren, wie lange sie geschlafen hatte. Sie räkelte sich auf dem samtigen Moosbett und konnte kaum die Augenlider öffnen. Mehr und mehr kam ihr Bewusstsein zurück und ein Schreck fuhr durch ihren Körper.
Du lieber Himmel! Ich bin bei der Arbeit eingeschlafen. Hoffentlich hat mich niemand gesehen. Ich muss sofort los.
Sie schlug wild mit den Flügeln, konnte aber nicht genug Kraft aufbringen, um vom Waldboden abzuheben.
„Warum ruhst du dich nicht aus? Es ist offensichtlich, dass du zu erschöpft bist, um weiterzuarbeiten“, fragte eine körperlose Stimme.
Lieschen sah sich irritiert um. Hatte eben dieser grau-grüne Stein neben dem Moosbett mit ihr gesprochen? Verlor sie jetzt den Verstand? Ihren Verstand brauchte sie. Sie musste weitermachen.
Aus dem Stein erschienen ein langer Hals und ein zerfurchtes, faltiges Gesicht mit einem gütigen Lächeln. Lieschen atmete auf: kein Stein, eine Schildkröte.
Die Schildkröte strahlte so viel Ruhe und Besonnenheit aus, dass Lieschen gleich viel ruhiger wurde. Ihr Herz fand zu einem normalen Rhythmus zurück.
„Also“, wiederholte die Schildkröte ihre Frage. „Warum ruhst du dich nicht aus?“
„Du bist witzig“, entgegnete Lieschen. „Wie du siehst, bin ich eine der Arbeiterinnen des Bienenvolkes. Ich muss Nektar sammeln für die Honigproduktion. Das ist meine Aufgabe. Und wenn ich die nicht erfülle, wirft mich die Königin aus dem Volk. Alleine kann ich doch nicht überleben.“
Die Schildkröte nickte weise. „Das verstehe ich“, antwortete sie. „Die Frage ist nur: Wie effektiv arbeitest du, wenn du vor Erschöpfung vom Ast fällst?“
Die Biene wollte sich vor Scham am liebsten in dem weichen Moos verkriechen. Die Schildkröte hatte ihren Sturz gesehen und nun war auch noch der gesammelte Nektar aus ihrer Honigblase ausgelaufen.
„Ich muss einfach weitermachen. Verstehst du?“ Lieschens Stimme war nur noch ein zartes Flüstern.
Die Schildkröte blickte mitfühlend auf sie herab. „Lass mich erklären, was ich meine. Regelmäßige Pausen sind genauso wichtig wie das Arbeiten selbst, denn …“
„Aber …“, unterbrach Lieschen die Schildkröte. Sie wollte sagen, dass Pausen nur für nicht belastbare Arbeiterinnen sind, so wie sie es von der Königin gelernt hatte. Die brauchte ja auch keine Pause und wollte nur starke Bienen in ihrem Volk haben.
„Lass mich ausreden“, erwiderte die Schildkröte streng.
Lieschen senkte den Kopf. Sie spürte noch immer diese bleierne Müdigkeit in ihrem Körper und wusste, dass die Schildkröte recht hatte.
„Also“, fuhr die Schildkröte fort. „Pausen sind so wichtig wie das Arbeiten selbst, denn von den Pausen hängt die Qualität deiner Arbeit ab. In den Pausen sammelst du die Kraft, die du zum Arbeiten brauchst und danach findest du sogar wieder Freude an deinem Tun. Pausen machen bedeutet, dich zurückzuziehen, mit dir zu sein, inne zu halten. Stelle dir vor, du hast in dir ein Sammelbecken für deine Kraft. In den Pausen fließt sie dort hinein und wenn du arbeitest, fließt sie wieder heraus in deine Arbeit und du wirst staunen, wie viel Kraft du in kurzer Zeit sammeln kannst. Stell dir vor, du hättest eine zweite Honigblase: ein Kraftblase.“
„Wie du das sagst, klingt es so einfach. Du hast einen Panzer, in den du dich zurückziehen kannst. Ich lebe in einem quirligen Bienenstaat. Da ist niemals Ruhe“, sagte Lieschen.
Die Schildkröte lächelte. „Ja, ich verstehe. Lass mich dir zeigen, wie du dein Problem lösen kannst.“
Lieschen wollte argumentieren, dass sie weiterarbeiten musste, aber sie hatte einfach nicht die Kraft dazu und die Schildkröte wusste es.
„Mach es dir auf dem Moosbett bequem und schließe deine Augen“, sagte die Schildkröte.
Lieschen tat wie ihr geheißen und folgte der Stimme der Schildkröte.

Nimm ein paar tiefe Atemzüge. Mit jedem Atemzug wirst du entspannter und du spürst wie deine Beine und deine Flügel ganz locker und entspannt werden. Deine Gedanken ziehen vorbei wie Wolken und du brauchst ihnen jetzt keine Beachtung zu schenken. In diesem Moment gibt es nichts zu tun und du bist ruhig und entspannt. Nun erinnere dich an einen Ort, an dem du dich immer sehr wohlgefühlt hast. Einen Ort, der dir Ruhe, Sicherheit und Entspannung vermittelt. Kennst du einen solchen Ort?

Lieschen musste lächeln, denn ihr fiel sofort ein Astloch in einem abgestorbenen Baum ein, in dem sie als Kind immer Verstecken gespielt hatte. Sie hatte sich dort vor ihrer Mutter und vor der ständigen Hektik des Bienenstocks versteckt. Sie hatte die Ruhe geliebt und von dort aus das quirlige Treiben draußen beobachtet. Dort hatte sie sich immer sicher und geborgen gefühlt und das Astloch war ihr Geheimnis gewesen.

Schau dich genau um an diesem Ort – die Stimme der Schildkröte klang, als wäre sie ganz weit weg – verspürst du Freude, diesen Ort wiederzusehen? Was siehst du? Was riechst du? Kannst du etwas schmecken?

Ein wohliger Schauer durchströmte Lieschen, wenn sie an das Astloch dachte. Es war auch ein Geheimversteck für leckere Pollen gewesen. Sie konnte den süßen Geschmack regelrecht spüren. Sie roch den Duft von Apfel- und Kirschblüten und brummte dabei vor Wonne.

Spürst du, wie dieser Ort dich stärkt? Er gibt dir Ruhe und Kraft. Du hast mehr Energie und fühlst mehr Freude in dir. Speichere das Gefühl, das dieser Ort dir vermittelt in deinem Körper ab. Vielleicht gibt es in deinem Körper einen Platz, wo dieser Ort hingehört. Dann speichere das Gefühl dort ab. Du kannst das Gefühl jederzeit wieder abrufen.
Nun ist es Zeit, zurückzukehren. Du wirst dir wieder deines Körpers bewusst. Du spürst deine Beine und deine Flügel. Nun öffne langsam die Augen.

Lieschen öffnete mit einem breiten Lächeln im Gesicht die Augen. Sie spürte, dass dieser besondere Ort sich in ihrem Herzen verankert hatte. „Das war wunderbar, Schildkröte!“, rief sie begeistert.
Die Schildkröte lächelte ebenso. „Siehst du“, sagte sie. „Und es ist ganz einfach und braucht gar nicht viel Zeit. Du kannst jederzeit eine kleine Pause einlegen und an deinen Ruheort zurückkehren.“
„Ich glaube, ich habe jetzt verstanden, was du mir sagen wolltest“, sagte Lieschen. „Aber jetzt muss ich wirklich weiterarbeiten.“ Sie spürte wieder Spannkraft in ihren Flügeln und der Duft von Honigtau drang an ihre Fühler.
„Na dann los“, sagte die Schildkröte. „Und vergiss nicht: die Pausen sind so wichtig wie das Arbeiten.“
Die Biene erhob sich schwungvoll von dem Moosbett und flog davon.

Die Schildkröte kroch gemächlich weiter und lächelte zufrieden. Sie sah Lieschen immer wieder bei der Arbeit. Mal flog sie zielstrebig über das Rapsfeld und sammelte emsig Nektar ein, mal saß sie versonnen und mit geschlossenen Augen auf einer Blüte.

Lieschen hatte die Freude an ihrer Arbeit wiedergefunden. Das leuchtende Gelb und das strahlende Blau versetzten sie in Ekstase, der süße Duft lockte sie an immer neue Nektarquellen und hin und wieder schlug sie ihrer Freundin Klara einen Gefallen ab und zog sich stattdessen gedanklich an ihren Herzensort in das geheime Astloch zurück, um dort neue Kraft zu schöpfen.

Man sagt, dass Lieschen nun so effektiv arbeiten kann, dass sich sogar die Bienenkönigin wundert, woher sie die Kraft und die Lebensfreude nimmt.